Jüngere Pflegebedürftige spielen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle – so lautet das ernüchternde Fazit von Justine Grollmann, der sozialpolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Dortmund. Die Christdemokraten wollen auf diesen Missstand aufmerksam machen und fordern aktuelle Kennzahlen von der Verwaltung ein. So soll sich der Fokus auf all diejenigen richten, die schon in jungen Jahren auf Pflege angewiesen sind, aber zu selten Beachtung finden. Eine entsprechende Anfrage ist zur nächsten Sitzung des Ausschusses für Soziales, Arbeit und Gesundheit am 17. September 2019 eingebracht.

Pflegebedarf – Nicht ausschließlich eine Frage des Alters

Die CDU stößt sich vor allem daran, dass Pflegebedürftigkeit gemeinhin als alleiniges Leiden hochbetagter Menschen verstanden wird. „Es erscheint offenbar verlockend, das Thema Pflegebedürftigkeit mit dem demografischen Wandel und dem Altern der Gesellschaft in einen Topf zu werfen“, meint die CDU-Ratsvertreterin Grollmann. Dass jedoch auch viele Kinder, Jugendliche und Menschen in erwerbsfähigem Alter auf Pflegeleistungen angewiesen sind, werde indes oft vergessen. Zum Nachteil der Jüngeren, deren besondere Ansprüche an Individualität und selbstbestimmter Lebensführung in einer vornehmlich auf Altersgebrechen ausgerichteten Pflegebranche wenig Berücksichtigung finden.

Gängige Stereotype sogar im städtischen Pflegebericht

Selbst im städtischen Pflegebericht (2016) findet sich dieser Stereotyp wieder. In dem 86-seitigen Dokument werden Pflegebedürftige, die jünger als 65 Jahre sind, gerade einmal an vier Stellen eher beiläufig erwähnt. In der kommunalen Pflegebedarfsplanung finden sie kaum statt. Stattdessen geht der Bericht für Dortmund davon aus, dass die „Gruppe der unter 60-Jährigen an Bedeutung“ verlieren und ihr „Anteil an den Pflegebedürftigen von 14 % im Jahr 2007 auf 10 % im Jahr 2020 und gut 7 % im Jahr 2030“ sinken werde. Ein Trugschluss, wie neuere Zahlen belegen.

Gesetzesänderung schafft neue Fakten

Denn mittlerweile ist fast jeder fünfte Pflegebedürftige in Deutschland jünger als 65 Jahre – das geht aus der Pflegestatistik 2017 des Statistischen Bundesamtes hervor. Beruflich selbst in leitender Position in der Alten- und Krankenpflege tätig, kennt CDU-Frau Grollmann die Hintergründe des anhaltenden Trends: „Der Begriff der Pflegebedürftigkeit wurde zum 01. Januar 2017 sozialrechtlich neu definiert und in diesem Zuge erheblich ausgeweitet – seitdem werden bei deutlich mehr Menschen Ansprüche und Bedarfe anerkannt.“ In Folge stieg die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis Ende 2017 um bemerkenswerte 19,4 Prozent im Vergleich zum Jahr 2015 an.

Justine Grollmann: Kommunale Verantwortung ernst nehmen

Die CDU-Fraktion, die sich bereits seit geraumer Zeit intensiv mit dem Thema Pflege beschäftigt und erst jüngst ein sogenanntes „Demenzdorf“ für Dortmund ins Spiel gebracht hat, sieht enormen Verbesserungsbedarf, was die Vielfalt an Pflegeangeboten in der Stadt betrifft: „Betreuungsplatz ist eben nicht gleich Betreuungsplatz. Wir können doch einen 34-jährigen pflegebedürftigen Epileptiker nicht mit einem 86-jährigen bettlägerigen Demenzpatienten ins Zimmer legen. Wir brauchen zielgruppengerechte Pflegeangebote – dafür stehen wir gegenüber den Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern in der Verantwortung. Stadtverwaltung, Politik, Interessenverbände und potenzielle Bauträger müssen dabei zusammen nach Lösungen suchen“, so Grollmann.

Anstatt das Problem einfach beiseite zu schieben, appelliert sie daran, die im Pflegebericht von 2016 betonte „kommunale Verantwortung für die Daseinsvorsorge“ ernst zu nehmen und das „Vorhandensein einer ausreichenden Pflegeinfrastruktur“ in Dortmund gemeinsam voranzutreiben.


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